Vom Aufstehen bis zur Gutenachtgeschichte

Annika Schöls war für zehn Monate als VIDES-Freiwillige im Internat „Don Bosco“ in Ganshoren, einem Vorort von Brüssel. Die Don Bosco Schwestern betreuen dort Kinder aus Brennpunktfamilien. Trotz der Corona-Pandemie konnte die 19-Jährige ihr Volontariat antreten und erlebte diese außergewöhnliche Zeit mit Don Bosco Schwestern und Internatskindern.

Text: Karoline Golser
Foto: privat

Annika, du hast 17 Internatskinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren betreut. Wie sah dein Tag aus?
Annika Schöls: Morgens habe ich die Kinder geweckt, habe den Kleinen beim Anziehen geholfen und mit ihnen gefrühstückt. Nachmittags habe ich die Kinder von der Schule abgeholt, mit ihnen Hausaufgaben gemacht und die Freizeit verbracht bis zum Abend. Ich habe die Kinder also in ihrem Alltag begleitet – vom Aufstehen bis zur Gutenachtgeschichte.

War Heimweh ein Thema bei den Kindern?
Das war sehr unterschiedlich. Es gab Kinder, die hatten Heimweh. Ein Junge hatte ganz schlimm Heimweh, ganz besonders am Montag, wenn er gerade von zu Hause gekommen war. Ich habe ihn dann getröstet und versucht, ihn zum Beispiel mit Spielen auf andere Gedanken zu bringen. Aber es gab auch Kinder, die waren sehr froh, im Internat zu sein, die wollten eigentlich gar nicht mehr heim. Sie haben freitags besonders lang getrödelt, um ja nicht nach Hause gehen zu müssen.

Freiwillige tragen im Auslandseinsatz oft das erste Mal Verantwortung für junge Menschen. Wie war das für dich?
Ich habe das als sehr schön empfunden. Man ist als Ansprechpartner immer da für sie. Man lebt einen ganz großen Teil der Zeit mit den Kindern mit und sieht, wie sie sich entwickeln, wie sie im Lauf des Jahres wachsen und älter werden.

Gab es einen Moment, der dich besonders berührt hat?
An einen Abend erinnere ich mich gut. Es war vor den Weihnachtsferien. Als es Schlafenszeit war, löschte ich bei den letzten das Licht im Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Einer der Neunjährigen fragte mich, ob ich nach den Ferien da sein werde, wenn er wieder zurück ins Internat kommt. Ich sagte ihm, ich werde natürlich da sein, wie immer, gleich, wenn er montags von der Schule ins Internat kommt, findet er mich draußen im Hof beim Spielen. Meine Antwort hat ihn beruhigt, er hat sich zufrieden in sein Bett gekuschelt. Mich hat es sehr berührt, zu sehen, dass es ihm ein Gefühl von Sicherheit gegeben hat, wenn nach den Ferien alles so sein wird wie davor.

Du hast während deines Einsatzes zwei Lockdowns in Belgien miterlebt. Wie war die Betreuungssituation im Internat?
Die Schulen haben auf Fernunterricht umgestellt und alle Siebt- bis Zwölfklässler hatten abwechselnd Präsenz- und Onlineunterricht. Die Kinder waren dann auch vormittags im Internat – einige von ihnen auch deshalb, weil sie zu Hause keinen Computer oder die Möglichkeit zu lernen hatten. Ich war dann auch vormittags zur Betreuung eingeteilt. Ich habe schon sehr deutlich bemerkt, dass die Kinder immer schwerer zu motivieren waren, je länger sich der Fernunterricht hinzog.

Vermisst du etwas ganz besonders?
Ich hatte sehr viel Kontakt zu unterschiedlichen Menschen – zu den Kindern meiner Gruppe, zu den Schwestern, den anderen Freiwilligen, den Jugendlichen. Im Moment vermisse ich es am meisten, in diesem Haus zu sein, wo sich vieles bewegt, wo ständig was los ist.

 

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