"Da macht der Kopf nicht mehr mit..."

Don Bosco Schwester Livia Kvasna in ihrer Praxis in Michalovce.

Die 43-jährige Don Bosco Schwester Livia Kvasna, die aus dem ostslowakischen Ort Košice stammt, betreibt seit 2016 eine psychotherapeutische Praxis in Michalovce. Einmalig und sehr gefragt – nicht nur von Familien, Kindern und Jugendlichen, sondern auch von Kirche und Orden.

Text: Sr. Birgit Baier
Fotos: privat

Michalovce, eine Kleinstadt in der Ostslowakei, nicht weit entfernt von der ukrainischen Grenze, hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Slowakei. Die staatlichen Unterstützungsleistungen reichen mehr schlecht als recht zum Leben. „Eine Nebenwirkung davon ist oft ein Alkoholproblem“, erzählt Schwester Livia in einem Videoanruf. „Unter Alkoholeinfluss kommt es dann in den Familien häufig zu Gewalterfahrungen.“

Die Hälfte ihrer Klient/innen ist minderjährig. „Es gibt einfach zu wenige Psychotherapeuten bei uns. Die Leute kommen zu mir aus einem Umkreis bis zu 100 Kilometer“, so Sr. Livia, die sich für unser Gespräch an einem Samstagvormittag eine halbe Stunde Zeit genommen hat. „Ja, ich arbeite in meiner Praxis auch samstags. Und oft bin ich an Wochenenden unterwegs, weil ich z. B. in der Priester- und Ordensausbildung in einigen Diözesen für Seminare angefragt werde“, erklärt sie einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Tätigkeit.

Bevor sie im Jahr 2000 Don Bosco Schwester wurde, studierte sie Biologie und Chemie. 2001 kam sie nach Rom, um an der ordenseigenen Universität Psychologie zu studieren. Ein Praktikum in der bekannten Kinderklinik „Bambino Gesù“ in Rom schloss sich an. 2013 promovierte sie. Es folgten verschiedene Fortbildungen, u.a. in Gestalt- und Sandspieltherapie. Momentan besucht sie Kurse, um sich Wissen in der Behandlung von Traumapatienten anzueignen. Sie hat mehrjährige Erfahrungen als Schulpsychologin und in der psychiatrischen Klinik in Michalovce.

„Mein Weg als Psychotherapeutin gestaltete sich manchmal recht schwierig, besonders dann, wenn ich als Ordensfrau in staatlichen Kliniken und Einrichtungen Erfahrungen sammeln musste, um die notwendigen Voraussetzungen zu haben, um z. B. als selbstständige Psychotherapeutin zu arbeiten“, erzählt Schwester Livia weiter. Und sie fügt hinzu: „Hier in der Slowakei bin ich die einzige Ordensfrau, die Psychotherapeutin ist. Meine Patient/innen wissen das. Das Wichtigste ist, dass sie Vertrauen in meine Arbeit haben.“

Foto: FMA/privat

Zwei Beispiele gibt sie: Der elfjährige Lukas* kommt mit seiner Mutter in die Praxis. Die Eltern wollen sich scheiden lassen. Der Junge zeigt Verhaltensauffälligkeiten und neigt zu Wutausbrüchen, besonders in der Schule. Mit ihm arbeitet Sr. Livia mit der Methode am Sandspielbrett. Der Junge sucht sich die Spielfiguren selbst aus – ein Kriegsschauplatz. Nach dem nur zweiminütigen Spiel liegen die Figuren wild verstreut. „Alle sind tot, alles ist zerstört, keiner ist gerettet, keiner ist zu Hilfe gekommen“, kommentiert der Junge die Szene. „Hier kann man förmlich Lukas’ Leiden sehen. Vor uns liegt eine längere Therapie, nicht nur mit dem Jungen, sondern auch mit den Eltern“, fasst Sr. Livia kurz zusammen.

Ein weiteres Kind braucht ihre Hilfe: „Vor einiger Zeit kam eine Großmutter mit ihrem siebenjährigen Enkel Dominik* zu mir. Der Junge war verängstigt, stotterte stark, er war in sich gekehrt und wirkte zerstreut. Seine Großmutter kümmerte sich um ihn seit seinem vierten Lebensjahr. Die Mutter fand in England Arbeit und auch einen neuen Mann, mit dem sie ein Kind hat. Seinen Vater kennt Dominik nicht. Mittlerweile ist die Großmutter an einer schweren Krankheit verstorben und der Junge lebt bei seinem Onkel. Ein Bild, das Dominik gemalt hat, zeigt seinen Kopf, der sehr müde ist. Jeder Gedanke hat sein eigenes Haus, da macht der Kopf nicht mehr mit. Auf meine Frage, was ihm denn helfen könne, antwortete Dominik, dass nur ein Bagger helfen kann, um viele der Häuser zu zerstören. Gut, dass er noch bei mir in Therapie sein kann. Kleine Fortschritte zeigen sich. Doch es braucht Geduld.“

Schwester Livia hofft, dass sie weiterhin ihre Klient/innen behandeln kann, denn nicht alle können ihren Stundensatz bezahlen. Für sie fallen die üblichen monatlichen Unkosten für die Praxis an. Doch ihr ist es wichtig, dass gerade diejenigen Hilfe bekommen, die sich eine Behandlung nicht leisten können.

*Namen von der Redaktion geändert.

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