Glaube ist kein Lückenfüller

Seit zehn Monaten absolviert Astrid Emperer bei den Don Bosco Schwestern in Stams ein „Freiwilliges Ordensjahr“. Gemeinsam mit blickt die Sozialpädagogin auf ihre bisherigen Erfahrungen in der Ordensgemeinschaft zurück.

Text: Karoline Golser
Foto: FMA Stams


Astrid Emperer ist überzeugt, dass die meisten Menschen, wenn sie an Ordensleute denken, von Vorurteilen und Klischees geleitet werden. „Die vorherrschende Meinung ist, im Orden gibt es keinen Spaß, alles ist ernst, alle kasteien sich. Aber so sieht das nicht aus“, erzählt die junge Frau und lacht. Ihre Freunde waren überrascht, zu hören, dass die Don Bosco Schwestern zum Teil „Zivil tragen“, einem Beruf nachgehen, sich eben nicht hinter Klostermauern „verstecken“ und den ganzen Tag beten. Die Schwestern, so Astrid Emperer, sind aufgeschlossen, gesellig und bodenständig.

Letztes Jahr hat sich die 36-Jährige entschlossen, das Angebot der Ordensgemeinschaften Österreichs, ein „Freiwilliges Ordensjahr“ zu absolvieren, anzunehmen. Dabei wird den Teilnehmenden ermöglicht, für den Zeitraum von drei bis zwölf Monaten in einer Ordensgemeinschaft mitzuleben. Besonders reizvoll war für Astrid dabei der Gedanke, den Glauben, der ihr so wichtig ist, einmal in den Lebensmittelpunkt zu stellen. Bis dahin war für sie der Glaube eher ein Lückenfüller. Wenn gerade Zeit war, wenn nicht wieder „etwas dazwischenkommt“, dann ist Platz dafür. „Ich war neugierig zu erfahren, wie das ist, wenn der Alltag um den Glauben herum aufgebaut wird.“

Astrid hat schon einiges in ihrem Leben gemacht. Die Wienerin hat Politikwissenschaften studiert, an der Wirtschaftsuni gearbeitet, ein Jahr als Sprachassistentin in Spanien verbracht und zuletzt das Kolleg für Sozialpädagogik abgeschlossen. Mit ein Grund, warum sie sich für ein Ordensjahr bei den Don Bosco Schwestern in Stams entschieden hat. Hier werden junge Mädchen in sozialpädagogischen Wohngruppen begleitet, deren Familiensituation es aus unterschiedlichsten Gründen erfordert, dass sie für eine bestimmte Zeit außerhalb der Familie betreut werden. „Nach einem Kennenlerngespräch mit den Don Bosco Schwestern und mit Aaron Latta, dem Leiter der Sozialpädagogischen Einrichtungen, verbrachte ich eine Probezeit von zwei Tagen in Stams. Danach war für mich ganz klar, dass ich hier mein Ordensjahr machen werde!“

Ein wichtiger Bestandteil des Freiwilligen Ordensjahres ist die Gesprächsbegleitung durch ein Ordensmitglied vor Ort. In Astrids Fall war das Sr. Martina Kuda. In regelmäßigen Gesprächen, die meistens mit einem Spaziergang verbunden waren, wurden die Erfahrungen im Zusammenleben mit der Gemeinschaft und im beruflichen Einsatz reflektiert. Die persönliche Gottesbeziehung fand ebenso Platz wie viele andere Lebensthemen.

Viermal im Jahr treffen sich die Teilnehmenden des Freiwilligen Ordensjahres zur Reflexion und zum Erfahrungsaustausch. Am meisten überrascht hat Astrid dabei die Tatsache, wie unterschiedlich das Ordensleben sein kann. „Doch nicht nur zwischen den Orden selbst bestehen diese Unterschiede“, stellt sie fest. Im Gespräch mit einer weiteren Teilnehmerin, die zur selben Zeit bei den Don Bosco Schwestern in Salzburg mitlebte, hat sie festgestellt, dass auch innerhalb der Ordensgemeinschaft das Zusammenleben variiert.

„Dass es Orden gibt, die so offen sind, sich auf ein unverbindliches Zusammenleben auf Zeit einzulassen – das finde ich total bereichernd“, fasst Astrid die Möglichkeit, die ihr hier geboten wurde, zusammen. Im Juli endet ihr Ordensjahr bei den Don Bosco Schwestern. Die Wienerin möchte diesen neuerlichen Einschnitt in ihrem Leben nutzen und plant eine Weltreise. So wie der Wunsch, ein Ordensjahr zu machen, plötzlich da war, so schoss ihr auch der Gedanke an diese Reise durch den Kopf. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

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