"Gute Christen und aufrichtige Staatsbürger"

Der Studientag 2020 widmete sich auch diesem pädagogischen Doppelbegriff Don Boscos.

Gute Christen und aufrichtige Staatsbürger: Ein zeitgebundenes Erziehungsziel Don Boscos oder eine Herausforderung für die weltweite salesianische Pädagogik heute?“

Diese Frage stellte Pater Josef Grünner SDB (Don Bosco Mission Bonn) in den Mittelpunkt seines Vortrages zum Leitgedanken des Generalobern für das Jahr 2020 im Rahmen des Don Bosco Studientages am Samstag, den 18. Jänner 2020 in Vöcklabruck.

P. Grünner ging der Frage nach, ob der pädagogische Doppelbegriff Don Boscos, der ihn im 19. Jahrhundert in Italien leitete, heute immer noch als gültig erachtet werden kann, in einer "salesianischen Welt", in der die Don Bosco Familie in Ländern mit verschiedenen Religionen, mit mehrheitlich nichtchristlichen Religionen, in nachchristlichen Gesellschaften oder sogar in offiziell säkularen bzw. antireligiösen Nationen zuhause ist.

Als Beispiele dafür nannte er

  1. Burgstädt im Bundesland Sachsen: von den ca. 300 Jugendlichen in der berufsbildenden Einrichtung der Salesianer gehören mehr als 90% keiner Religion und Kirche an, kaum einen katholischen Jugendlichen gibt es in der Einrichtung. Von den ca. 150 Mitarbeiter/innen sind weniger als die Hälfte Christen,
  2. die salesianische Schule EVRIM in Istanbul/Türkei: Die 400 Schüler/innen und die Lehrerschaft sind multireligiös und multikulturell, in der Schule sind keine christlichen Aktivitäten und Zeichen erlaubt. Wie kann es gelingen, salesianischen Werken wie diesen eine salesianische Prägung zu geben, die ausstrahlt?

 

Bedeutung der Staatsbürgerschaft für die Identität

Im zweiten Teil seines sehr geschätzten Referates beleuchtete P. Grünner die Bedeutung der Staatsbürgerschaft für die Identität der einzelnen Person. „Ein Mensch, der ohne Staatsangehörigkeit geboren wird oder dem sie genommen wurde, ist einer ohne Rechte und ohne Freiheit. Darum haben die Vereinten Nationen das Recht auf Staatsbürgerschaft in den Kanon der Menschenrechte aufgenommen. Kein Mensch soll ohne diesen ‚Grundvertrag’ zwischen Staat und Individuum leben müssen.“

P. Grünner lud die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ein, darüber nachdenken, was für sie zu einem guten Christen, einer guten Christin sowie zu einer aufrichtigen Staatsbürgerin, einem aufrichtigen Staatsbürger gehört. Die vielfältigen Antworten, die darauf gegeben werden können, hat P. Grünner u. a. in folgenden zwei Sätzen auf den Punkt gebracht:

  • „Gute Christen sind Menschen, die nicht um sich selbst kreisen, sondern sich vom ‚Ich‘ zum ‚Ich bin bereit‘ entwickeln.“
  • „Aufrechte Staatsbürger sind Menschen, die für Würde, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit etc. in der Einen Welt eintreten.“

 

Am Nachmittag konnten die Studientagteilnehmenden unter vier Arbeitskreisen wählen:

  • „Erde gut, alles gut“: Carina Baumgartner und Sarah Kusché gingen der Frage nach, mit welchen konkreten Projekten und Handlungsmöglichkeiten wir dazu beitragen können, der in Gefahr geratenen Erde, unserem gemeinsamen Zuhause, zu helfen.
  • „Mitbürger und Hausgenossen Gottes (vgl. Eph 2,19)“ – Lebensfeld Pfarre zwischen Unsicherheit und Wagnis: P. Siegfried M. Kettner SDB lud angesichts der immer weniger werdenden jungen Menschen, die eine Bindung an die Ortskirche eingehen, zur Erörterung folgender Fragen ein: Steht der Pfarre, wie sie vielen vertraut ist, vor dem Aus? Welche Erfahrungen versprechen eine bessere Zukunft? Gibt es Bedingungen für einen Wandel? Wie kann die Balance zwischen Resignation und Utopie gelingen, wie kann ein zukunftsfähiges Pfarrleben aussehen?
  • „Erziehung zum aufrichtigen Staatsbürger in heutiger Zeit“ lautete das Thema, mit dem Michael Zikeli (Geschäftsführer Don Bosco Flüchtlingswerk) sich beschäftigte: Wie kann man heute in pluraler religiöser und gesellschaftlicher Situation die Jugendlichen am Rand der Gesellschaft zu „aufrichtigen Staatsbürger*innen“ erziehen? Was braucht es dafür?
  • Ein kreatives Angebot setzten Sr. Elisabeth Siegl und Sr. Sylvia Steiger: „Musik als ganzheitlicher Beitrag zum Menschsein“. Den teilnehmenden Personen boten sie die Möglichkeit, sich über Musik selbst auszudrücken.

Eine besonders lebendige, fröhliche Note erhielt der über das Don Bosco Bildungsforum veranstaltete Studientag durch den LIVE-Auftritt des Teams, das die CD „Freude verbindet“ aufgenommen hat. Mit ihren teils schwungvollen, teils meditativen Liedern sorgten sie nicht nur für die wunderbare musikalische Gestaltung des Gottesdienstes, sondern vor allem für die  familiäre, salesianische Stimmung, die alle ganz konkret spüren ließ, dass „Freude tatsächlich verbindet“!

 

(Sr. Maria Maul/red.)

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