Abschied von Schwester Ingrid Ritgens †

vom

Am 28. Februar ist unsere Mitschwester von uns gegangen. Das Lebensbild können Sie hier nachlesen.

Herr, dir in die Hände,
sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.

Am 28. Februar 2017 – an ihrem 82. Geburtstag – verstarb im Klinikum Garmisch-Partenkirchen unsere liebe Mitschwester

Sr. Ingrid Ritgens.

Ihre letzten Lebenstage verbrachte sie auf der Palliativstation und einer ihrer letzten Sätze war: „Ich will heim!“ Nun hat sich dieser Wunsch auf endgültige Weise erfüllt. Möge sie Heimat finden in der Liebe des barmherzigen Gottes.

Ingrid wird am 28. Februar 1935 als drittes von fünf Kindern der Eheleute Heinrich und Elisabeth Ritgens in Essen Rüttenscheid geboren.

Als sie sieben Jahre alt ist – der Vater ist im Krieg – wird die Familie ausgebombt und nach Baden-Württemberg in ein Dorf namens Unterankenreute evakuiert. Nur der vierjährige Manfred darf bei der Mutter bleiben, die anderen werden auf verschiedene Familien verteilt. Ingrid selbst kommt auf einen Einödhof. Sie schreibt: „Ich war allein und verstand kein einziges Wort. Der Bauer und dessen Sohn waren im Krieg, die Bäuerin und ihre Magd hatten genug mit dem Hof zu tun und da mussten sie nun mich auch noch versorgen. Geschlagen haben sie mich aber nie ... Ich habe es vorgezogen so oft als möglich nicht in die Schule zu gehen. Ich verbrachte den Vormittag irgendwo in den Wäldern und am See. Wenn es 12 Uhr läutete, bin ich zurück auf den Hof gegangen. Es hatte mich nie irgendjemand vermisst. Ich glaube, der einzige Lehrer im Dorf war froh, dass nicht alle Kinder kamen. Es war ja auch gar nicht für jedes Kind ein Stuhl vorhanden.“ Nachdem es ihr körperlich immer schlechter geht, darf sie auf Intervention des Pfarrers schließlich bei der Mutter bleiben.

1945 kehrt die Familie nach Essen zurück – in das Haus der Großeltern in Borbeck. Die Nachkriegsjahre sind echte Hungerjahre. Nach der Schulentlassung 1950 bleibt Ingrid daheim, um der kranken Mutter zu helfen, kann aber in Abendkursen Stenografie und Schreibmaschine erlernen. Später ist sie in verschiedenen Firmen im Büro tätig.

„Mit 17 Jahren hatte ich keinerlei Interesse auszugehen und mit Freundinnen zu feiern. Meine Interessen waren lesen, Gitarre spielen und Religion … Immer wieder bin ich in die Borromäusbücherei gegangen und habe religiöse Bücher ausgeliehen. Besonders die Heiligenlegenden haben wir am Abend – Renate und ich – uns immer wieder vorgelesen. Und so haben wir erst in unserer Jugendzeit gelernt zu beten und regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen. Wir waren auf allen Gebieten einfach Spätzünder.“

In Borbeck lernt sie die Don Bosco Schwestern kennen und geht dort in die Gruppenstunde. Besonders Sr. Maria Gipmann hat es ihr angetan, sie bewundert ihre Art, mit den jungen Menschen umzugehen. „Wir haben schöne Stunden dort verlebt. Und was mir besonders gut gefiel, wir haben Theater gespielt. Ich bekam immer die komischen Rollen. Die Heiligen spielten immer die anderen – auch Renate. Die Lumpengräfin, das war ich. Egal, mir hat es gefallen.“

In dieser Zeit stellt sie sich die Frage, ob das Ordensleben nicht auch für sie ein Weg ist. „Der Gedanke, dass auch ich so eine Schwester werden könnt,e kam zaghaft, aber immer wieder. Ich dachte, dieser Wunsch rührt daher, weil ich die Schwestern jeden Tag in der Kirche sehe. Also beschloss ich, nicht mehr bei den ‚Padders‘ in die Messe zu gehen, sondern in die Stadt nach St. Gertrud.“ Doch der Gedanke bleibt. Aber sie spricht weiterhin mit niemandem darüber. „Eines Tages kam M. Giovanna zur sogenannten Visitation zu den Schwestern und die fragte mich dann direkt: Willst du nicht Schwester werden? Ich war perplex. Kann die Gedanken lesen? Jedenfalls habe ich ihr kein Ja gegeben, das ging mir noch ein wenig zu schnell.“

Am 15. Januar 1957 schreibt sie schließlich doch an die damalige Provinzoberin und fragt: „Würden Sie mich wohl aufnehmen? Bei der Jugend bin ich gern und ich will mich bemühen, eine gute Schwester zu werden. Meine Eltern machen zwar noch große Schwierigkeiten, doch können Sie ruhig nach Hause schreiben. Meine Eltern sollen sehen, dass ich entschlossen bin, meinem Beruf zu folgen.“

Am 9. April 1957 fährt sie mit Madre Linda Lucotti, der damaligen Generaloberin und Madre Giovanna Zacconi, der Provinzoberin, von Essen nach München und beginnt dann ihre Kandidatur in Oberhaunstadt.
Am 5. August 1960 legt sie in Rottenbuch ihre erste Profess ab. Nach der Ausbildung zur Erzieherin ist sie in Plettenberg und München Laim im Kindergarten tätig und übernimmt dann von 1972 bis 1984 die Leitung des Kindergartens in Essen.

Von 1984 bis 2002 ist sie erneut in München Laim und leitet dort den Kindergarten und Hort St. Ulrich. Sie liebt die Arbeit im Kindergarten und findet dort eine echte Heimat. Es trifft sie schwer, als die Gemeinschaft Ende 2002 geschlossen wird. Sie ist die letzte, die das Haus verlässt. Sie schreibt in ihren Erinnerungen: „Den 27.12.2002 werde ich nie vergessen. Ich ging noch einmal durchs ganze Haus und schloss die Türen zu. Mit dem Auto fuhr ich dann nach Rottenbuch. Für diese 72 km brauchte ich ca. drei Stunden. Ja, so geht es, wenn man Abschied nehmen muss.“

In Rottenbuch übernimmt sie von 2002 bis 2004 die Aufgabe als Assistentin bei den Internatsschülerinnen der Berufsfachschule, 2004 wird ihr als Oberin die Gesamtleitung des Heims Maria Auxilium übertragen. Die Leitung der großen Gemeinschaft ist für sie eine echte Herausforderung. Wenn es manchmal turbulent hergeht, fühlt sie sich nervlich oft überfordert. Und auch hier hat sie im Jahr 2010 die schwere Aufgabe, das Haus an einen neuen Träger zu übergeben. Wieder ein Abschied.

Sr. Ingrid war ein echtes Kommunikationstalent. Sie liebte die Arbeit mit den Kindern und Eltern. Es gelang ihr auf unkomplizierte Art und Weise, mit Menschen in Kontakt zu treten. Sie schreibt selbst: „Es ist mir nie schwer gefallen, mich auf verschiedene Charaktere einzustellen.“ Sie war witzig und lebendig und mit ihrem Lachen konnte sie oft auch schwierigen Situationen die Spannung nehmen. In ihr hatte man eine anregende Gesprächspartnerin, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielt.

Sie war aber auch eine Querdenkerin, die nicht immer das tat, was man im Normalfall erwartete. Schon im Noviziat übertrat sie Regeln, von denen sie die Sinnhaftigkeit nicht einsah. Und auch in ihrem späteren Ordensleben handelte sie oft nach dem, was ihr der gesunde Menschenverstand eingab. Sie war liebevoll und warmherzig, aber auch spontan und manchmal unberechenbar. Sie konnte einerseits ganz nüchtern über Probleme reden, war aber andererseits auch sehr emotional.

Von 2005 bis 2014 war Sr. Ingrid im Provinzrat und auch hier bereicherte sie mit ihrer oft ungewöhnlichen Sichtweise die Beratungen und Gespräche.

In ihrer Zeit in München Laim wurde sie sehr von der Spiritualität Elmar Grubers beeinflusst. Sein frohmachendes und ermutigendes Gottesbild gab ihr wertvolle Impulse für ihr geistliches Leben. Sie war überzeugt von der unbedingten und ganz persönlichen Liebe Gottes zu ihr und sie wollte, dass auch andere Menschen dies erfahren durften. Als junge Schwester litt sie darunter, dass ihr Vater nach schlechten Erfahrungen in seiner Jugendzeit keinen Bezug zur Kirche und zu Gott hatte. Sie schreibt: „Das einzige Mal, dass ich ihn in der Kirche gesehen hatte, waren die beiden Professfeiern von Renate und mir. Doch am Ende seines Lebens hat er sich mit Gott ausgesöhnt und er war froh, dass ich ihm dabei geholfen habe. Diese große Gnade war das schönste Geschenk in meinem Leben.“

Obwohl ihre Schwester und sie sehr unterschiedlich waren, spürte man doch die innere Verbindung zwischen beiden. Als Ältere fühlte sie sich immer ein wenig verantwortlich, besonders natürlich als Sr. Renate mehr und mehr von ihrer Demenzerkrankung gezeichnet war. Und dann sollte sie selbst den gleichen Weg gehen. Nach dem Tod ihrer Schwester nahmen ihre geistigen Kräfte rapide ab. Immer wieder machte sie sich hilflos auf die Suche nach Sr. Renate. Möge sie nun mit all ihren Lieben wieder vereint sein.

Danke, Sr. Ingrid, für dein Sein und Wirken und für all das, wodurch du das Leben unserer Provinzgemeinschaft bereichert hast. Du wirst uns als Mensch und als Mitschwester fehlen.

(Sr. Petra Egeling – Provinzvikarin)

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