Abschied von Schwester Giovanna Zacconi †

Am 2. September ist unsere Mitschwester im Alter von 105 Jahren verstorben.

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.“ (Joh 15,16)

 

Gott, der barmherzige Vater, holte

 Sr. Giovanna Zacconi FMA

 im Alter von 105 Jahren am Samstag, den 2. September 2017 
im Kreis ihrer Mitschwestern in Vöcklabruck heim in Seine Ewige Liebe.

Lebensbild

Das Leben Sr. Giovanna Zacconis hat aus der innigen Verbundenheit mit Gott heraus im wahrsten Sinn des Wortes reiche Frucht gebracht! Mit Madre Giovanna, wie sie früher oft liebevoll genannt wurde, geht eine Ära in unserer Provinz zu Ende. Nach Sr. Alba Deambrosis, der Pionierin im deutschsprachigen Raum, war sie jene Persönlichkeit, die die Entwicklung des Wirkens der Don Bosco Schwestern in Deutschland und Österreich am nachhaltigsten geprägt hat – vor allem in den 18 Jahren, in denen sie zuerst die deutsche, dann die österreichische Provinz geleitet hat.

 

Giovanna wurde am 7. Juli 1912 als zweites Kind (das erste war bereits verstorben) ihrer Eltern Gastone und Giuseppa Goisis in Messina, Sizilien, geboren und zwei Tage darauf getauft. Ihr Vater Gastone, gebürtig aus Pesaro (Marken), hatte seine künftige Frau in Mailand kennengelernt. Weil er als Staatsbeamter öfter von einem Ort zum anderen versetzt wurde, zog die junge Familie (nach Giovanna kamen weitere fünf Kinder auf die Welt, von denen nur drei überlebten) bereits 1914 nach Catanzaro (Kalabrien). 1916, als der Vater an der Front Dienst leistete, suchte die Mutter mit den Kindern zuerst in Pesaro beim Schwiegervater, dann in Mailand bei ihren Eltern Schutz. 1917 wurde der Vater nach Saluzzo (Piemont) versetzt, sodass die Familie wieder beisammen war. Den Sommer 1919 verbrachten alle gemeinsam beim Großvater in Pesaro, wo Giovanna im August gefirmt wurde. Erst 1921 ging sie zur Erstkommunion. 1925, nachdem Giovanna sich in der dritten Klasse einer Fortbildungsschule für Lehrerinnen befand, wurde der Vater nach Chieti (Abruzzen) versetzt. Dort beendete sie diese Schule, doch konnte sie das Studium nicht fortsetzen, weil sie in der Umgebung nicht den erforderlichen Lateinunterricht erhalten konnte. So arbeitete sie bis zu ihrem Eintritt bei den Don Bosco Schwestern im Büro ihres Vaters, von dem sie viel lernen konnte.  

Die Versetzung des Vaters im Jänner 1930 nach Vercelli (Piemont) stellte den entscheidenden Wendepunkt im Leben Giovannas dar. Wie sie selbst oft erzählte, begegnete sie im Februar 1931 erstmals den Don Bosco Schwestern, weil ihre Mutter an einem Samstag bei einem Friseur-Besuch von einer Jugendlichen gehört hatte, dass sie schnell zur Probe müsse, um am Tag darauf bei einer Theateraufführung im Oratorium der Schwestern mitwirken zu können. Die Mutter interessierte sich dafür und besuchte mit ihren Töchtern das Theater. Von diesem Moment an war die Welt des Oratoriums die Welt Giovannas. Sie selbst sagte: „Ich hatte den Eindruck, dass die Schwestern ohne uns Oratorianerinnen nicht leben konnten. Sie nahmen uns immer freudig auf.“ Giovanna hatte auch das Glück, von Vercelli aus am 1. April 1934 an der Heiligsprechung Don Boscos in Rom teilnehmen zu können, kein Wunder daher, dass sie von diesem prägenden Erlebnis an ihr geistliches Leben immer konsequenter gestaltete und ihr ganzes Leben lang die Begeisterung für den neuen Heiligen der Kirche ausstrahlte. Ab Mai 1935 nahm sie jeden Tag an der Messe im Provinzhaus der Schwestern teil, im September 1935 machte sie mit den Oratorianerinnen Exerzitien, Anfang 1936 vertraute sie sich ihrer Oberin und dem Provinzial der Salesianer an, die sie in ihrer Berufung bestärkten. Schließlich trat sie am 7. Dezember 1936 bei den Don Bosco Schwestern im Provinzhaus in Vercelli ein – mit dem Segen vor allem ihrer Mutter, die ihr erst zu diesem Zeitpunkt anvertraute, dass sie Jahre zuvor geträumt hatte, Don Bosco sei in das Zimmer ihrer damals dreizehnjährigen Tochter Giovanna gekommen und hätte sie mitgenommen. 

Nach dem Postulat in Vercelli von Januar bis August 1937 und dem zweijährigen Noviziat in Torre Bairo legte sie dort am 6. August 1939 die Erste Profess ab. Bis zur Ewigen Profess 1945 wirkte sie als Assistentin und Lehrerin für Buchhaltung, Rechnungswesen und Wirtschaft in der dreijährigen Berufsschule in Vercelli. Am 8. Dezember 1948 machte sie die Missionsanfrage, die Madre Linda Lucotti im Oktober 1949 annahm. Sr. Giovanna wurde für Deutschland bestimmt – am 27. Oktober kam sie in Begleitung von Sr. Antonietta Cappo in München an, wo sie erst einmal Deutsch lernte und im Haus mithalf. 1951 wurde sie in Ingolstadt-Oberhaunstadt Assistentin der Kandidatinnen und ab 1952 die Oberin der Formationsgemeinschaft. Die jungen Kandidatinnen liebten ihre fröhliche, begeisternde Art – so manche unserer älteren Mitschwestern erinnert sich sehr gern an die netten Episoden mit der lebhaften Italienerin, die mit ihrem damals noch nicht so ganz perfekten Deutsch oft für Erheiterung sorgte. 

Von einem Tag auf den anderen, völlig überraschend für sie selbst und die Mitschwestern, wurde ihr im November 1954 anlässlich der Teilung der Provinz nach Landesgrenzen die Leitung der deutschen Provinz anvertraut. Wie sie selbst immer wieder erzählte, hat sie, weil sie anfänglich gar nicht wusste, was sie tun sollte, dem Aufruf Madre Clelia Genghinis entsprechend Bilder für eine marianische Ausstellung in Turin gemalt. Dennoch sollte sie ihre Kreativität bald ihrer neuen Aufgabe entsprechend entfalten. 1955 eröffnete sie das Provinzhaus Ermelinda in München  sowie die Gemeinschaft in Jünkerath. Eine 88-jährige Schwester aus Rottenbuch hat Sr. Giovanna noch im Juni 2017 zu ihrem Namenstag geschrieben: „Liebe gute Madre Giovanna! (…) Oft sprechen wir von Ihnen, wie schön es war, als Sie unsere Provinzoberin waren. Sie hatten eine gute Menschenkenntnis und wussten immer, wie es jeder einzelnen Schwester geht. Wir fühlten uns bei Ihnen geborgen und geliebt, sodass wir auch unsere Aufgabe mit Freude und aus Liebe zu Gott erfüllen konnten.“

1960 wechselte Madre Giovanna nach Österreich, wo sie erneut Madre Alba Deambrosis ablöste und zwölf Jahre lang die Provinz leiten sollte, zuerst noch von Stams, ab 1962 von Innsbruck aus. 1964 konnte sie die Präsenz der Don Bosco Schwestern in Bludenz beginnen, vor Beendigung ihrer Amtszeit stellte sie noch die Weichen für den großen Neubau der Schule und damit den Umzug der Schwestern von Linz nach Vöcklabruck. 

Zum Verantwortungsbereich der österreichischen Provinzoberin gehörten damals auch die Schwestern in der Slowakei, die sich aufgrund der politischen Verhältnisse hinter dem Eisernen Vorhang in äußerst schwierigen Situationen befanden. Briefkontakt war kaum möglich, da alles zensuriert wurde. Erst, als am 23. Dezember 1963 die Grenze für einige Tage geöffnet wurde, konnte Sr. Giovanna im Auftrag der Generaloberin die Schwestern in der Slowakei zum ersten Mal unter denkbar angespannten Umständen persönlich treffen. Bis 1970 konnte sie den slowakischen Mitschwestern fast jedes Jahr begegnen und so den Kontakt zwischen ihnen und der Generalleitung herstellen. 1998 hatte Sr. Giovanna die große Freude, die Schwestern, die sie noch kannten, ein letztes Mal in Bratislava und Trnava zu besuchen.

Über ihre Zeit als Provinzoberin sagte Madre Giovanna in einem Interview, das Sr. Johanna Montag 2002 mit ihr führte: „Die Leitung der Provinz empfand ich als nicht allzu schwer, weil ich gute Rätinnen zur Seite hatte. Es war noch eine Zeit, in der die Schwestern das Ordensleben richtig verstanden hatten und man ihnen noch etwas sagen konnte. Meine wichtigsten Anliegen waren: Genügend Zeit für die Schwestern zu haben; ihre Formung und religiöse Bildung sowie die Verbundenheit jeder einzelnen Schwester und der gesamten Provinz mit dem Zentrum. Die Ausübung dieser Funktion war schön, weil in der Provinz Einheit herrschte und die Schwestern bereit waren, die Weisungen anzunehmen und auch zu befolgen.“ 

Alle, die Sr. Giovanna erlebt haben – Schwestern, Mitglieder der Don Bosco Familie, LehrerInnen und MitarbeiterInnen und viele weitere Menschen, mit denen sie in Kontakt war –, haben ihre ganz individuellen persönlichen Erinnerungen an sie. Was sie als Provinzoberin so beliebt gemacht hat, das waren ihre einzigartige Fähigkeit, die persönlichen Beziehungen zu jeder einzelnen Schwester zu pflegen, ihre ansteckende Fröhlichkeit und ihre bodenständige Begeisterung für Don Bosco!

Nachdem Sr. Giovanna 1972 die Leitung der Provinz Sr. Theresia Witwer übergeben konnte, ging sie für ein Jahr als Ökonomin nach Linz, danach wirkte sie von 1973 bis 1975 als Oberin in Stams. Seit der Eröffnung der Schule und Schwesternniederlassung 1975 in Vöcklabruck war sie Mitglied der ersten Gemeinschaft dort. Damals hat sie sich wohl kaum gedacht, dass sie einmal die älteste Vöcklabruckerin werden und insgesamt 42 Jahre lang im Haus bleiben sollte – zuerst als Ökonomin, Pförtnerin und Sakristanin, ab 1977 für einige Jahre auch als Provinzrätin. Besondere Freude bereitete es ihr zwischen 1984 und 1994, den Salesianer-Novizen von Oberthalheim Italienisch-Unterricht zu erteilen. 

Als 2005 die Gemeinschaft geteilt wurde, gehörte Sr. Giovanna zur Herz Jesu-Gemeinschaft im 4. Stock des Hauses, wo sie sich, solange sie konnte, sehr wertvoll einbrachte – indem sie jahrelang die Chronik schrieb, mithalf, wo sie konnte, und selbstverständlich auch die Gebetspatenschaft für eine Schulklasse übernahm. Es war einfach wunderbar zu sehen, dass sie auch noch als Hundertjährige den Kontakt mit den Kindern und jungen Menschen liebte!

2010 feierten wir mit Sr. Giovanna ihr 50-jähriges Wirken in Österreich. Die Kerze, die ihr damals geschenkt wurde, hat sie bis zu ihrem Lebensende in ihrem Zimmer stehen gehabt. Die Flaggen von Italien, Deutschland und Österreich sind darauf zu sehen und die Aufschrift „Vado io“. Dieses für uns so geflügelte Wort hat sie in ihrem langen Leben auf beeindruckende Weise gelebt. „Ich gehe dorthin, wo ich hingeschickt werde“, das war ihr Motto, sodass sie mir 2012, als ich sie anlässlich ihres bevorstehenden großen Festtages über ihr Leben befragte, wörtlich sagen konnte: „Die ganze Welt ist meine Heimat.“ Die Feier des 100. Geburtstags von Sr. Giovanna mit der Schwesterngemeinschaft und Erzbischof em. Dr. Alois Kothgasser SDB, der ihr seit 1969 herzlich verbunden war, sowie der Schulgemeinschaft und Bischof em. Dr. h. c. Maximilian Aichern OSB, der unsere so sympathische Mitschwester ebenfalls sehr schätzte, war eine große Freude für uns alle – vor allem auch für die Kindergartenkinder, die ihr so schön gratulierten und sie für ein Geburtstagsfoto umringten! 

Ein besonderer Moment war für Sr. Giovanna auch die Feier der Zusammenlegung der österreichischen und der deutschen Provinz mit unserer Generaloberin Madre Yvonne Reungoat am 24. März 2014 in Vöcklabruck, denn sie selbst, die, wie auch etliche weitere Schwestern der älteren Generation, noch die Zeit der gemeinsamen Provinz erlebt hatte, war immer eine lebendige Brücke zwischen den Schwestern in Deutschland und in Österreich – sie wird es auch in Zukunft bleiben!

Die Stadt Vöcklabruck brachte Sr. Giovanna ebenfalls stets viel Wertschätzung entgegen. Noch im Juli 2016 war Sr. Giovanna in der BezirksRundschau Vöcklabruck mit Bürgermeister Mag. Herbert Brunsteiner zu sehen, der ihr zum 104. Geburtstag gratulierte. Die Redaktion kommentierte: „In voller geistiger Frische und mit dem ihr eigenen Humor feierte die gebürtige Sizilianerin ihren hohen Geburtstag. Voller Bescheidenheit blickt sie auf eine lange Karriere zurück (…) Als ‚Finanzministerin‘ des Hauses in Vöcklabruck war sie an vorderster Front in den Grundkauf und die Kaufverhandlungen für das heutige Schulzentrum der Schwestern involviert. (…) Als frohes und stets optimistisches ‚Sonnenkind‘ aus Europas Süden erfreut sie sich großer Beliebtheit. ‚Sie ist ein Geschenk für uns‘, betonen ihre Mitschwestern.“

Auch wenn die Kräfte Sr. Giovannas in den letzten Jahren nachließen und sie unter den Beschwerden des Alters zu leiden hatte, so hat sie uns doch bis zum Schluss mit ihrer geistigen Klarheit, ihrer lebhaften Teilnahme am Gemeinschaftsleben und ihren liebevollen Aufmerksamkeiten für die Mitschwestern beeindruckt. Mir selbst hat sie immer wieder ihr Gebet für unsere ganze Provinz versichert – ganz bestimmt wird sie uns nun vom Himmel aus erst recht eine wirksame Fürsprecherin sein! 

Vor allem in den vergangenen Monaten haben die Schwestern der Gemeinschaft Vöcklabruck SC und Bischof em. Dr. Ludwig Schwarz SDB Sr. Giovanna in bewundernswerter Weise menschlich und seelsorglich betreut. Auch MitarbeiterInnen des mobilen Palliativteams Vöcklabruck haben in ihren letzten Lebenstagen  dazu beigetragen, dass sie immer ruhiger werden und sich getrost, mit dem „Ave Maria“  auf den Lippen und dem Blick auf das Muttergottesbild neben ihrem Bett, in Gottes Hände fallen lassen konnte. Ein großes Danke allen, die Sr. Giovanna in der Zeit, in der sie auf Hilfe angewiesen war, so einfühlsam begleitet haben! 

Sie selbst schrieb im Februar 2001: „Ich danke Gott und Maria Hilfe der Christen für die große Gnade der Berufung als FMA. Ich war immer eine glückliche FMA. Jeden Tag verstehe ich die Tiefe und Schönheit dieser Gnade, für die ich Gott nicht genug danken kann. Mein Dank gilt auch meinen Eltern und Geschwistern (…), allen Oberinnen und Mitschwestern (…), auch allen SDB, besonders den Beichtvätern. Maria Hilfe der Christen, die mich berufen und bis jetzt beschützt hat, möge mir (…) in meiner letzten Stunde beistehen, um mich zu Jesus zu führen (…).“ Nun, liebe Madre Giovanna, sagen wir Dir von ganzem Herzen danke – Du warst und bleibst ein Geschenk des Himmels für uns!

(Sr. Maria Maul, Provinzleiterin)

Lebensstationen

7.7.1912
Geboren in Messina, Sizilien (Eltern hatten in Mailand geheiratet, Vater war Staatsbeamter und wurde öfter versetzt) 

1914
Umzug der Familie nach Catanzaro, Calabria

1916
Umzug nach Pesaro, Marche

1916
Umzug nach Mailand

1917
Umzug nach Saluzzo, Piemonte

1925
Umzug nach Chieti, Abruzze

1930
Umzug nach Vercelli, dort Besuch des Oratoriums der Don Bosco Schwestern

1936
Eintritt bei den Don Bosco Schwestern im Provinzhaus Vercelli

1937
Noviziat und 1. Profess (1939) in Torre Bairo, Piemont

1939
Vercelli, Unterricht als Hauswirtschaftslehrerin in der 3-jährigen Berufsschule

1948
Missionsanfrage gestellt

1949
nach Deutschland gesendet, München, dort Mithilfe im Haus

1951
Assistentin der Kandidatinnen, dann Oberin in Oberhaunstadt/Ingolstadt

1954
Provinzoberin der Don Bosco Schwestern von Deutschland, Sitz in München (Teilung der österreichisch-deutschen Provinz Anfang November 1954)

1960
Provinzoberin der Don Bosco Schwestern von Österreich, Sitz in Stams, dann Innsbruck (12 Jahre lang)

1972
Ökonomin in Linz

1973
Oberin in Stams

1975
Ökonomin, Pförtnerin usw. in Vöcklabruck (seit Beginn des Hauses), ab 1977 einige Jahre im Provinzrat

2005
Mitglied der Gemeinschaft Vöcklabruck „Sacro Cuore“ im 4. Stock (Teilung der Gemeinschaft), Chronistin

7.7.2012
100. Geburtstag

2014
Miterleben der Zusammenführung der österreichischen und der deutschen Provinz

2.9.2017
Gestorben in Vöcklabruck

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